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Die verlorene Hälfte meines Herzens

Ein Roman von Ann O'Loughlin

 

Irland in den 1950er-Jahren. Gefangen in einer unglücklichen Ehe verliebt sich Grace in einen jungen Arzt aus Indien. Eine Scheidung kommt nicht infrage, und als Grace auch noch schwanger wird, sucht die Familie nach einer Lösung. Grace wird auf Betreiben ihrer eigenen Tante und mit Einverständnis ihres Mannes in eine Irrenanstalt eingewiesen. Dreißig Jahre später kommt Graces Tochter Emma der Wahrheit auf die Spur: Als Emma nach dem Tod des Vaters nach Dublin zurückkehrt, um den Nachlass zu regeln, enthüllt sie die tragische Geschichte ihrer Mutter und macht sich auf die Suche nach ihr ...

Die Geschichte:

Ann O'Loughlin erzählt sehr bildhaft die Geschichte rund um Grace, ihren Ehemann Martin Moran, deren Tochter Emma sowie dem jungen indischen Arzt Vikram und dessen Enkelin Rosa. Die Geschichte ist in meinen Augen in drei Teile aufgeteilt; eine sanfte, für meinen Geschmack zu lang gezogene Einführung erklärt den Tatbestand. Man lernt Emma kennen, die nach dem Tod ihres Vaters in sein Haus in Dublin zurück kehrt. Ihn als Vater zu bezeichnen, mag übertrieben sein; auch Emma nennt ihn ausschliesslich den "Richter". Ein Mann, der seinem Beruf sein komplettes Leben widmete und zu seiner Tochter genauso lieblos war, wie zu seiner Ehefrau, die er kurz nach der Entbindung der gemeinsamen Tochter auf den Rat derer Tante Violet hin, in eine Irrenanstalt einweisen lies. Diese ist im Buch genauso beschrieben, wie man sich eine Haus für Verrückte vorstellt: kalt, ignorant und ein Gefängnis für immer. So auch für Grace, welche vermeindlicherweise ihren Tod in einem Feuer fand, welches durch einen Anwohner gelegt wurde.

 

"Wir fühlten uns frei, albern und glücklich, ein herrliches Gefühl. Ich bezweifle, dass einer von uns sich je wieder so gefühlt hat. Wir waren in diesem Moment einfach nur glücklich Wir hatten so viel miteinander gelacht. Jetzt bleiben mir nur die kostbaren Erinnerungen."

 

Aber so viel weiss man an dieser Stelle in der Einführung noch nicht, dafür aber, dass Emma die umfangreiche Bibliothek ihres Vaters räumen liess - in der Hoffnung, dass jede Erinnerung an ihn auch seinen Geist aus dem herrschaftlichen Haus vertreiben würde. Sie widmet sich lieber den, damals stets vor ihren neugierigen Kinderaugen verborgenen Dingen ihrer Mutter. Sie schlüpft in ihre Kleider, trägt ihr Parfüm und benutzt ihr Make up.

 

"Warum Schlüsselblumen?", fragte Andrew.

"Sie sind wunderschön und zerbrechlich so muss auch Grace gewesen sein..."

 

Ebenfalls in der Einführung lernt man den indischen Arzt Vikram kennen, der in Bangalore die Pflege seiner Schwester Rhya geniesst und seiner Tochter Rosa Stück für Stück von der Liebe seines Lebens erzählt: Grace. Er plant eine letzte Reise in seinem Leben, nach Irland, um am Grab seiner Herzensdame Abschied zu nehmen. Seine Schwester ist ganz und gar nicht begeistert, seine Enkelin jedoch sehr - denn diese leidet unter einer lieblosen Ehe mit einem Treuebrecher.

 

Dann kommt der Teil, der mir persönlich am Besten gefiel: Drama, Baby, Drama! Emma lernt einen guten Freund ihres Vaters kennen, Andrew, welcher ihr mehr und mehr von ihm erzählt und letztlich erscheint es ihr, als hätte sie den "Richter" nie wirklich gekannt. Anscheinend war er zu allen immer sehr grosszügig und offen - nur nicht zu ihr, seiner Tochter. Da ich in dieser Rezension keine Geschehnisse verraten will, kann ich nicht sehr viel mehr zu diesem Teil, als auch dem abschliessenden Teil des Buches sagen. Nur, dass mir das Buch eigenltich gut gefallen hätte - wären da nicht die letzten drei, vier Kapitel gewesen, die immer kuriosere und abstraktere Wendungen in die Story brachten und diese schliesslich derart unrealistisch (zumindest in meinen Augen) erscheinen liess, dass ich das Buch leider leicht enttäuscht von dessen Ausgang zuklappte.

 

Macht es mir etwas aus, dass er sie gernhatte? Ich bin froh, dass es so war. Ein Mann, der gegenüber einer so wunderbaren Frau und Tochter keine Zuneigung empfindet, wäre kein Mann!"

 

 

Das Ende erschien mir dann doch zu blumig, zu gut, für den doch sehr tragischen Anfang, welchen die Geschichte nahm. Doch konnte ich mir die Umgebung, in welcher sich die Protagonisten befanden, stets sehr gut vorstellen, was definitiv Ann O'Louglins sehr bildhaften Schreibstil zu verdanken ist. Auch konnte ich mich ausserordentlich gut mit Emma identifizieren, die durch den Tod ihrer Mutter eine Kindheit hatte, in der sie immer versuchte, die perfekte Tochter zu sein, um von ihrem Vater, dem harten "Richter" geschätzt und vielleicht sogar geliebt zu werden - vergeblich. Dass man am Ende doch noch Sympathien für den "Richter" aufbringen kann, ist dessen treuherzigen Freund Andrew zu verdanken. Ich konnte mir auch Grace sehr gut vorstellen; eine Frau, scheinbar so schön, strahlend, weltoffen und fröhlich - einzigartig, um es mit einem Wort zu sagen. Selbst in der Irrenanstalt verlor sie den Glauben nie, dass ihre grosse Liebe, der indische Arzt Vikram, eines Tages zu ihr zurückkehrt.

 

Als Fazit würde ich das Buch allen Träumerinnen und Träumern empfehlen, die Drama mögen und eine tiefgründige, herzzerreissende Liebesgeschichte mit einer Portion Kitsch zum Abschluss suchen. Würde ich das Buch nochmal lesen? Nein, wahrscheinlich nicht. Aber ich bin trotzdem froh, dass ich es gekauft und gelesen habe - so hat mich die Geschichte doch auf eine seltsame Art und Weise mitgenommen und berührt. Abschliessen möchte ich mit einem Zitat von Andrew, welches genauso von mir hätte stammen können:

 

"Martin hat meine Unordnung immer beklagt, aber mir gefällt es so, obwohl ich wahrscheinlich Gefahr laufe, eines Tages tot unter einem Haufen Bücher aufgefunden zu werden."

 


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